13. und 14. Februar 2009 in Dresden

antifaschistische Deutung des 13. Februar nach 1945

31 Dezember, 2008 23:59


Der folgende Text von Matthias Neutzner von 2004 soll einen kleinen Einblick darin geben, warum das Thema bis heute so intensiv verfolgt wird. Dabei wurden die Ereignisse des 13. Februars zunächst in klassischer antifaschistischer Sichtweite gedeutet, wie der Zeitungsartikel von 1946 und das Foto von der KPD-Demonstration im Juli 1945 illustrieren.
Der im nationalsozialistischen Deutschland langjährig Inhaftierte Walter Weidauer, KPD-Funktionär und spätere Oberbürgermeister Dresdens; war einer derer, die einen radikalen antifaschistischen und sozialistischen Neubeginn wollten, was sogar so weit ging, die zerstörte Bausubstanz in der Innenstadt zum Teil völlig abzureißen (Foto). In der Zeit vor dem Kalten Krieg ist dementsprechend die Deutung des 13. Februars als alleinige Schuld der Nazis verbreitet worden.
Matthias Neutzner, der bei der Veröffentlichung des Textes im Jahre 2005 selbst sagt, dass dieser nicht mehr dem letzten Stand der Diskussion entspricht, deutete die Befindlichkeit der DresdnerInnen in der Nachkriegszeit als Trauma. Dieses Trauma beschrieb er allerdings als bis heute wirksam, was sicherlich, schon aus demographischen Gründen, zu weit gegriffen ist.
Interessant ist der Aspekt, dass die rein antifaschistische Deutung offenbar nicht ausreichte, um das Thema in seiner Vielschichtigkeit zu erfassen und zu verarbeiten.

KPD-Demonstration über die Augustusbrücke am 28. Juli 1945

Demonstration der Dresdner KPD über die Augustusbrücke am 28. Juli 1945
Transparent im Vordergrund: "Die Nazis sind verantwortlich an unserer Katastrophe!"

 

Sächsische Volkszeitung am 13. Februar 1946
Dresdner Oberbürgermeisters Walter Weidauer

Besonders schlimm sind Katastrophen, die vermeidbar gewesen wären. Aber nichts in der Geschichte unserer Stadt ist vergleichbar mit der Nacht vom 13. bis 14. Februar 1945. Zum Vermeidbaren kommt noch die Tatsache der bewusst von den faschistischen Verbrechern provozierten Zerstörung Dresdens.
(...)
Mit Schmerz und Trauer gedenken wir heute der Opfer. Mit doppeltem Schmerz, weil ihr Opfer sinnlos war, und - sprechen wir es offen aus - weil die politische Schwäche des deutschen Volks mit Schuld trägt an diesem Krieg, den wir hätten verhindern können, wenn wir dem Beispiel der Hundertausenden gefolgt wären, die Not und Tod auf sich nahmen, die in die Zuchthäuser und Konzentrationslager wanderten, weil sie gegen Hitler und den Krieg aktiv kämpften.



Matthias Neutzner

Die Erzählung vom 13. Februar

Vortragsmanuskript für ein Kolloquium des Dresdner Geschichtsvereins im Frühjahr 2004
in: Mythos Dresden - Faszination und Verklärung einer Stadt, Dresdner Hefte, Heft 84, 4/05

letztes Kapitel

Symbol und Trauma


Bereits unter den Bedingungen der bis zuletzt funktionierenden NS-Diktatur konnte das ungeheuere Entsetzen der erlebten Katastrophe nur privat mitgeteilt werden, während öffentlich strikte Deutungen vorgegeben waren. Das folgende Kriegsende schrieb weitere verstörende Gefühle fest: Angesichts des verlorenen Krieges, der Konfrontation mit gemeinsamer oder gar eigener Schuld und angesichts der neuen Machtverhältnisse - an einer Diskussion des Bombenkrieges hatten die Besatzungsmächte zunächst kein Interesse - blieb es weiter unmöglich, den tiefen Schock der Zerstörung Dresdens öffentlich zu thematisieren. Zwar wurde in der sowjetischen Besatzungszone eine öffentliche Erinnerung an die Zerstörung Dresdens bereits im Februar 1946 möglich, deren propagandistische Ausrichtung ließ jedoch nur antifaschistische Deutungen und symbolische Formen der Darstellung zu. In den folgenden Jahren bildete sich dann jene Instrumentalisierung im Umgang mit dem Symbol Dresden heraus, die zum beherrschenden offiziellen Erinnerungsrahmen während des Kalten Krieges wurde: Beide deutsche Staaten konstruierten ihre Version einer deutschen Opfergeschichte, die eine Identifikation mit dem jeweiligen politischen System unterstützen sollte. Waren es in der Bundesrepublik vor allem Vertreibung und sowjetische Kriegsgefangenschaft, so nutzte die DDR-Propaganda stattdessen den Bombenkrieg der westlichen Alliierten und griff dazu das bereits etablierte Symbol Dresden auf. Dabei konnte die schon 1945 manifeste kollektive Erzählung mit dem Superlativ der einzigartigen Zerstörung der unschuldigen Kulturstadt unverändert übernommen werden. Die öffentliche Erinnerung an den 13. Februar 1945 vollzog sich nun in strikt vorgegebenen, ritualisierten Formen. Die propagandistischen Inszenierungen gaben die Deutung des Erinnerten vor: Das sozialistische Gesellschaftsmodell wurde als Voraussetzung für dauerhaften Frieden behauptet und einer wachsenden Bedrohung durch den westlichen "Imperialismus", also durch die Täter der Zerstörung Dresdens, gegenübergestellt.

Bei alledem spielten die Erinnerungen und Gefühle der Überlebenden der Zerstörung in der Öffentlichkeit nur so weit eine Rolle, wie sie für Gedenkinszenierungen benötigt wurden. Die Opfer des 13. Februar 1945 waren kurzerhand zu "Siegern der Geschichte" deklariert worden. So blieb für eine gemeinsame Reflexion des Erlebten oder gar für abweichende Deutungen nur das private Erinnern und die Nebenöffentlichkeit der Kirchen und Künste. In der Psychologie werden seelische Verletzungen nach einer starken äußeren Erschütterung als Trauma bezeichnet - eine Beschreibung, die wohl auch auf die Nachkriegsgemeinschaft der Dresdner anwendbar ist. Das Trauma verfestigt sich, wenn es dauerhaft nicht bewältigt werden kann. In Dresden war eine solche Bewältigung durch reglementierte Kommunikation und bevormundende Interpretationsvorgaben deutlich erschwert. Trotz des Aufbrechens der staatlichen Deutungshoheit über den 13. Februar ab Mitte der 1980er Jahre und trotz der völlig veränderten Rezeptionsbedingungen seit 1990 scheint das Trauma in Dresden bis heute allenfalls gelockert. Es offenbart sich immer noch unterschwellig, wenn der erlittene Verlust an Heimat und Identität eine hartnäckige symbolische Ortsbezogenheit zur Folge hat, die sich einem Neubau der zerstörten Stadt widersetzt. Es ist unmittelbar erlebbar, wenn Kritik an der kollektiven Erzählung als Angriff auf die eigene Lebensgeschichte empfunden und abgelehnt wird. Das Trauma scheint dort überwunden, wo tätige Versöhnung möglich wurde. Auch dafür gibt es Beispiele seit der unmittelbaren Nachkriegszeit.

So ist das Symbol Dresden heute gleichermaßen weit ausdeutbar wie emotional aufgeladen. Nicht nur in Dresden, auch international wurde es unablässig bekräftigt. Weit entfernt von einordnenden historischen Bezügen ist es mit vielerlei Absichten nutzbar: Es kann Bezugspunkt eines aktiven Friedensengagements sein und es kann als Bühne für politischen Extremismus mißbraucht werden. Die kollektive Erzählung von der Zerstörung Dresdens ist die Basis des Symbols und beeinflußt die Folgerungen. In diesem Sinne ist die kritische Auseinandersetzung mit ihr von weit mehr als nur lokaler Bedeutung.

 


 
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