13. und 14. Februar 2009 in Dresden

Der Rechte Rand: "Wir können Köln"

13 Januar, 2009 17:32


Der Rechte Rand Nr. 116 ThumbnailDie Publikation "Der Rechte Rand" erscheint seit 1989 regelmäßig mit Informationen von und für AntifaschistInnen. In der aktuellen Ausgabe wird über die Proteste um den 13. Februar in Dresden berichtet.


"Wir können Köln!"


Dresden: breites antifaschistisches Bündnis gegen geplanten Naziaufmarsch.

Ein breites, gut aufgestelltes Bündnis und gelassene Kooperation mit anderen Anti-Nazi-Protesten verspricht Nazis und Mythologen in Dresden die Suppe zu versalzen.

Der Rechte Rand Nr. 116Die sächsische Hauptstadt Dresden hat sich in den zurückliegenden Jahren um das neuralgische Datum 13. Februar, den Tag der alliierten Bombardierung der Stadt 1945, zum Groß-Aufmarschplatz der deutschen und europäischen Nazi-Szene entwickelt.

Der Protest dagegen war stets zerrissen und demgemäß schwach, zumindest zahlenmäßig schwächer als die "Gedenk-" oder "Trauermärsche" der vereinigten Neonazis, die sich jenseits der allfälligen Animositäten und Unvereinbarkeiten zwischen NPD und "Freien Kräften" unter der Klammer der "Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland " (JLO) zusammenfanden. Nach Wunsiedel und Halbe ist Dresden das neonazistische Großereignis im braunen Jahreslauf. Und das hat vor allem inhaltliche Gründe: Mit dem Diskurs zur "geschichtlichen Wahrheit" über Dresdens "Zerstörung" bewegt sich die extreme Rechte seit langem tief im gesellschaftlichen Diskurs der Mitte. Die Wortführer der extremen Rechten können gelassen aussprechen, was viele derer, die den Mythos des Dresdener "Opfergangs", des "Bombenholocausts" und der "Sinnlosigkeit" der alliierten Bombardierung hochhalten wollen, nicht mehr ohne Gesichtsverlust verkünden können. So, wie sich die Aufmarsch-Anmelder auf massenhaften Zulauf von bis zu 6.000 TeilnehmerInnen verlassen können, konnten sie sich bislang auch darauf verlassen, dass die verkniffene Fraktion geschichtsklitternder Monopolverwalter der allein selig machenden "Dresdener Wahrheit" einen wirksamen Protest verhinderte.

Daran könnte sich jedoch am 14. Februar 2009 etwas ändern: Unter dem Motto "Geh Denken" hat sich ein breites bürgerliches Bündnis entwickelt, das seinen Wunsch, den Nazi- Aufmarsch gänzlich zu unterbinden, hinter der offenen Vokabel "stoppen" nur mühsam verbirgt. Erstmals reiht sich viel Politprominenz jeder Provenienz in einen Aufruf ein, der deutlich den Anspruch erhebt, die ebenso unhaltbare wie unverwüstliche Dresdener Geschichtsdeutung vom Kopf auf die Füße zu stellen. Von SPD-Chef Franz Müntefering über Linken-Chef Gregor Gysi bis zur Grünen-Chefin Claudia Roth reicht das politische Spektrum der Unterstützung für "Geh Denken", vom DGB über die Kirchen, die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, die Jüdische Gemeinde Dresden bis hin zu Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker. Natürlich konnte der entscheidende Passus nicht ohne Sperrfeuer seitens hartnäckig gestriger DresdnerInnen bleiben. Die schlimme Stelle lautet: "Die Gleichsetzung der Opfer der Luftangriffe auf Dresden mit den Ermordeten in den Konzentrations- und Vernichtungslager soll den Holocaust verharmlosen. Während Leningrad, Rotterdam oder Coventry Ziele des deutschen Angriffsund Vernichtungskrieges waren, wurde Dresden im Zuge der Beendigung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft bombardiert. Um der rechtsextremen Propaganda entgegenzutreten, darf dieser Unterschied nicht verwischt werden." Derart deutliche Worte waren bisher nur in angefeindeten Aufrufen von Antifa-Gruppen und "NS-Verherrlichung stoppen!" zu lesen und es ist ein Qualitätssprung, dass zum Aufräumen der Trümmer des "Great Dresden Swindle" jetzt in eher bürgerlichem Kontext die Ärmel hochgekrempelt werden. Solange Dresden auch offiziell bis heute in einem aberwitzigen Atemzug mit Auschwitz, Hiroshima, New York und Bagdad genannt wird und indiskutable Deutungstraditionen von extrem rechten Revisionisten über dümmlich US-feindlichen DDR-"Antiimperialismus" bis zu pathologischen Friedensfreunden zu einem straffen, blonden Zopf geflochten wurden, waren derart breite Bündnisse nicht möglich.

Diesmal bleibt nur die CDU außen vor, die sich mit ziemlich peinlichem Gezeter selbst bloßstellt. Der Partei-Rechtsaußen und Dresdener Kreisvorsitzende Lars Rohwer hat sich in Briefen an einige UnterzeichnerInnen, vor allem Kirchenleute, des Aufrufs "Geh Denken" gewandt und sie aufgefordert ihr Engagement zu überdenken. Der erwähnte Passus sei "aggressiv", werfe "uns um Jahre zurück" und passe nicht zum "stillen und würdevollen" Gedenken, das nur echte Dresdenerinnen und Dresdener zelebrieren könnten, die ihre Geschichte besser kennen würden als sonst jemand von außerhalb. Diese alberne Wagenburg-Mentalität von Krämerseelen wie Rohwer, die jeden Zusammenhang Dresdens mit NS-Terror und -Vernichtungskrieg ausblenden und einen Opferstatus ganz eigener Prägung für ihre "Ville Martyr" beansprucht, könnte kommendes Jahr deutlich zurückgedrängt werden: Selbst die neue CDU-Oberbürgermeisterin Helma Orosz liebäugelt schüchtern mit dem Bündnis, sie hat wohl gemerkt, wie sehr sich Opfer-Kasper wie Rohwer gerade vergaloppieren.

Eigene Gegenaktivitäten veranstalten im Februar 2009 die AntifaschistInnen von "No pasaran", unterstützt unter anderem von der "Interventionistischen Linken". Sie sehen "Geh Denken" nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung eines klar auf Verhindern ausgerichteten Anti-Nazi-Protests. "Wir können Köln" heißt es beim Kulturbüro Sachsen, das die Koordination des "Geh Denkens" besorgt. Man bezieht sich dabei natürlich auf die Blockade des Anti-Islamisierungs- Kongresses durch 15.000 Protestierende im Sommer 2008. Mit Demos auf beiden Elbufern, sternmarschartiger Routenführung und raumgreifenden Veranstaltungen wie einem offenen Shabbat-Gottesdienst an der Synagoge und großem AbschlussKonzert auf dem Schlossplatz hofft man nicht nur die Nazis zu stoppen, sondern auch Deutungshoheit zurück zu gewinnen.


Quelle:

Der Rechte Rand, Nr. 116, Jan/Feb 2009
nadir.org/nadir/periodika/drr/index.php/artikel/116/2


 
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