Sächsische Zeitung: Wie Dresden aufstand und sich wehrte

Montag, 15. Februar 2010
(Sächsische Zeitung)

Wie Dresden aufstand und sich wehrte

Von Annette Binninger, Heinrich Löbbers, Nicole Preuss, Thomas Schade, Alexander Schneider und Peter Ufer

Die einen fassten sich an den Händen, die anderen setzten sich auf die Straße. Aber kein Rechtsextremer marschierte an diesem denkwürdigen 13. Februar.

Dass dieser Sonnabend, dieser 13. Februar 2010, kein guter Tag für die Rechtsextremen wird, deutet sich schon am Morgen auf dem Dresdner Heidefriedhof an. Als die offizielle Gedenkstunde für die Toten des Krieges längst vorüber ist, stehen die etwa 80 schwarz-gekleideten Neonazis samt einiger NPD-Funktionäre dort noch immer im Schnee. Fast eine Stunde zu spät trifft erst der Kranz ein, den sie hier niederlegen wollen. Alles, was rechts ist, muss warten, ist unerwünscht an diesem Tag. Schon bei der traditionellen Kranzniederlegung findet Oberbürgermeisterin Helma Orosz deutliche Worte gegen die „Horde Rechtsextremer“. Die kleine, zierliche Frau, dick eingemummelt in einen schwarzen Mantel, mit dickem Wollschal und weißer Rose daran, weiß, wie wichtig dieser Tag, jede Stunde, für „ihre“ Stadt ist. „Wer wie diese Nazitypen, die an diesem Tag unser Dresden belästigen, Tote mit Toten, Verlust mit Verlust, Leid mit Leid aufrechnet, der will nichts verstehen, der schändet die Opfer, der verhöhnt ihr Vermächtnis“, sagt sie streng. Resolut und couragiert führt Orosz, die von einem Gedenk- und Protesttermin zum nächsten eilt, mal mehr, mal weniger sichtbar die Regie an diesem Tag.

Überwältigende Massen

Vor dem Rathaus muss sich die Oberbürgermeisterin erstmal Platz verschaffen, um zur Menge zu reden. „Sie sehen mich in der Tat überwältigt“, sagt sie. Keiner hatte Prognosen gewagt. Und nun diese Massen. Weit über zehntausend zählt die Polizei, manche sprechen gar von 15000. Und es sind keineswegs nur Dresdner. Ein paar Jugendliche haben ein Transparent enthüllt: „Die Sächsische Schweiz ist bunt, dazu stehen wir“, steht darauf. „Wir wollen zeigen, dass auch die Kirchgemeinden aus Sebnitz und Umgebung gegen die Rechten sind“, sagt Timo Anders.

Auch auf den Stufen des Rathauses wird Orosz erstaunlich deutlich: „Diese Bande gehört nicht hierher. Den Jung- und Altnazis, die heute wieder versuchen, unsere Trauer zu missbrauchen, stellen wir uns entgegen.“ Die Menge applaudiert. Eine kleine Blaskapelle spielt. Mit unfreiwilliger Komik ertönt gelegentlich ein kleiner Tusch. „Das ist ja wie Fasching“, feixt ein Mann in der Menge. Die Stimmung ist gelöst, Humor wärmt. Ruhig startet die Menge dann in zwei Richtungen, zur Synagoge und zum Altmarkt, um die Kette zu bilden, die viel länger wird als geplant.

„Wo ist denn hier das Ende?“, fragt ein älterer Mann, der sich einreihen möchte. „Hier gibt‘s kein Ende mehr“, ruft ein anderer. Zweireihig, am Anfang sogar in dichten Dreierreihen stehen die Menschen. Am Altmarkt sammelt sich die Polit-Prominenz, dicht umlagert von Kameras. Anders als in den Vorjahren sind erstmals alle Parteien vertreten. Doch die Promis sind nicht die Hauptpersonen an diesem Tag. Wichtig sind die ganz normalen Menschen mit den weißen Rosen am Revers, die aufstehen, zusammenstehen und einstehen für ihre Stadt. Solche wie Christine Lehmann und ihr Mann, die mit ihren drei Kindern und den Großeltern gekommen sind. Die Jüngste sitzt noch im Kinderwagen. „Wir haben erst ein bisschen überlegt wegen der Kinder, aber jetzt sind wir froh, dass wir hergekommen sind.“ Oder Ruth Nowak und Andreas Mühlen mit vier Kindern. „Uns ist es wichtig, Toleranz zu zeigen“, sagt die Mutter, während sich Hannah, Julian und Jakob an sie drücken. Eine junge Frau bietet unterdessen per Schild „Kostenlose Umarmungen“ an. Eine fröhlich-satirische Gruppe von der „Front deutsche Äpfel“ verteilt Flugblätter. Zwei Frauen ziehen mit Bollerwagen vorbei und verteilen süßen Früchtetee. „Wir wollen die Leute aufklären über die Neonazis“, sagt Maria Gejasnow vom Netzwerk für Demokratie und Courage. 500 Becher haben sie dabei, beklebt mit Fakten zu Rassismus.

Dresden erlebt hier einen fröhlichen Ausnahmezustand. Auch die drei Touristen aus Berlin und Hamburg. Weil kein Taxi fährt, müssen sie ihre knarrenden Rollkoffer selbst zum Bahnhof ziehen. Eine kleine La-Ola-Welle kommt in Schwung und es gibt Szenen-Applaus, als die drei die Demonstranten passieren. „Na, so ein Spalier zum Abschied kriegt nicht jeder“, ruft ein junger Mann ihnen zu. Die Menge lacht. „Dafür laufen wir doch gerne“, ruft der Berliner Michael Witte grinsend zurück.

Vor der neuen Synagoge haben sich die beiden alten Juden Michal und Josef Salomonovic eingereiht. Sie haben das Ghetto von Lodz überlebt, mehrere Konzentrationslager, Todesmärsche und die Dresdner Bombennacht, als sie hier damals Zwangsarbeiter in einer Munitionsfabrik waren. „Wir wissen, dass auch tschechische Neonazis anreisen, deshalb war es unsere Pflicht, heute hier zu sein“, sagt Michal Salomonovic, der in Ostrava lebt. „Aber bei einer so großen Resonanz müssen wir keine Angst davor haben, dass die braune Gefahr wieder erstarken kann“, sagt er.

Hubschrauber stören die Stille

Nur hin und wieder dröhnen Hubschrauber über die sonst stille, teils fast heitere Kette, die wildfremde Menschen für ein paar Minuten zu Verbündeten für ihre Stadt macht. „Achtung, jetzt bitte die Hand reichen und die Kette schließen“, ruft ein junger Mann mit weißer Ordnerbinde schließlich durchs Megafon. Es ist 14.20Uhr, als die Glocken zu läuten beginnen. 15 lange Minuten lang. Staunend sehen Touristengruppen zu, wie sich die Menschen am Fürstenzug entlang die Hand reichen. Als die Glocken wieder verstummen, löst sich die Menschenkette gleich auf. Und wenige Minuten später ist es, als wäre dieser Sonnabend ein ganz normaler gewesen, an dem Tausende in die Einkaufstempel strömen.

Jedenfalls in der Altstadt. Jenseits der Elbe sieht die Lage ganz anders aus. Dort ziehen die Rechtsextremen auf, dort harren seit Stunden Tausende aus, um deren Marsch zu verhindern. Aus der Menschenkette ziehen nun manche über den Fluss, sofern die Brücken nicht gerade gesperrt sind. Auch von drüben ist nicht jeder in die Altstadt gekommen. Ute Gräfin Baudissin aus Dresden und ihre Schwägerin Adele von Mengden, die aus München zu Besuch ist, verpassen es deshalb, ihrer „Bürgerpflicht nachzukommen“, wie es die Juristin nennt. Die Seniorinnen waren auf der Königsbrücker Straße fast in eine Straßenschlacht geraten. „Wir sind in einen Hauseingang geflüchtet und haben geklingelt. Zum Glück hat uns jemand aufgemacht.“ Immer wieder ruft Adeles Mann aus München an und macht sich Sorgen. Doch die Frauen sind gelassen, freuen sich, dass die Blockade gegen den Nazimarsch steht. Aus ihrem Unterschlupf konnten sie sehen, wie Wasserwerfer anrückten. „Die haben ihren Einsatz angekündigt, kurz gespritzt und der Fall war erledigt. Die Polizei ist sehr defensiv, die machen das gut.“

In der Tat hört man an diesem Tag manches Lob für die vergleichsweise entspannten Ordnungskräfte. Das war in den letzten Jahren oft ganz anders.

Schon am frühen Morgen haben mehrere Tausend vor allem junge Menschen alle neuralgischen Knotenpunkte rund um den Bahnhof Neustadt dicht gemacht – weitgehend friedlich. Mitten auf Straßen und Bahngleisen sitzen sie bibbernd auf Isomatten im Schneematsch. Kein Nazi soll zum Bahnhof kommen, geschweige denn von dort marschieren können. Ein kleines Häufchen hat sich vor der Unterführung direkt am Bahnhof niedergelassen. Rundherum Bereitschaftspolizisten aus Sachsen-Anhalt. „Die sitzen hier schon seit Stunden auf der Pappe und holen sich einen eiskalten Hintern“, sagt ein Polizist. Und es klingt durchaus so, als habe er Respekt davor.

Es wird ein langer frostiger Tag für die Gegendemonstranten, die sich auch tanzend und hüpfend warmzuhalten versuchen. Die Musik dazu kommt live von kleinen Kapellen oder aus Lautsprechern: „Steh auf, wenn du am Boden liegst“ von den Ärzten oder auch die guten alten Demo-Hymnen von Ton, Steine, Scherben: „Aus dem Weg, Kapitalisten! … – Schmeißt die Knarre weg, Polizisten!“ Am Albertplatz singt Alt-Liedermacher Konstantin Wecker auf einem klapprigen Kleinlaster: „Misch Dich ein, sage Nein!“ Im übrigen wünscht er den Leuten noch eine „gute Blockade“. „Auf dass wir es besser machen als im letzten Jahr.“

Ausgesprochen friedlich ist die Versammlung am Albertplatz, die eigentlich gar nicht genehmigt ist. „Hier läuft heute kein Nazi!“, ruft eine Frau ins Mikro. Die Menge jubelt. Es wehen die Fahnen linker Gruppierungen, von Jusos über VVN bis MLPD. Und mittendrin halten die „Vespafreunde Münster-Handorf“ standhaft ihr Plakat „Gegen Geschichtsrevisionismus“ hoch.

Der Protest ist bunt und bundesweit. „Köln stellt sich quer“, steht auf einem Transparent. Die Stadt am Rhein gilt als Beispiel, dort haben sie bereits erfolgreich einen Naziaufmarsch verhindert. So wie es jetzt auch in Dresden zu gelingen scheint. „Es sieht gut aus, wenn wir noch ein, zwei Stunden bleiben, läuft kein Nazi mehr“, tönt es blechern aus dem Megafon.

Fliegende Schottersteine

Aber nicht überall ist es so friedlich. Immer wieder gibt es kleinere Scharmützel und auch heftigere Zusammenstöße. Mal greifen Autonome einen Bus mit Neonazis an, mal brennen Mülltonnen, mal werfen Vermummte Schottersteine aus dem Straßenbahn-Gleisbett. Auch die Polizisten sind nicht zimperlich, wenn sie Blockierer von den Bahndämmen vertreiben. Hitzköpfe kippen einen Ford Fiesta mit Riesaer Kennzeichen um – am Heck klebt ein Aufkleber „Todesstrafe für Kinderschänder“.

Insgesamt werden an diesem Tag 29 Männer zwischen 16 und 36 Jahren wegen Körperverletzung, Landfriedensbruch und anderer Delikte in Gewahrsam genommen, 21 davon sind Neonazi-Gegner. Verletzt werden nach Polizeiangaben 27Menschen, darunter 15 Beamte.

Rein äußerlich sind Links und Rechts an diesem Tag nur schwer auseinanderzuhalten. Auf beiden Seiten wird vor allem Schwarz getragen, vom Stiefel bis zur Kapuze. „Die Mauer muss weg“, rufen die Linken, als ihnen die Polizei den Weg versperrt. „Wir sind das Volk“ skandieren Rechte, als man sie nicht marschieren lässt.

„Hier marschiert der nationale Widerstand“, skandieren Rechtsextremisten auch gern. Dieses Mal marschiert keiner von den 6400 Neonazis, die sich bis zum Nachmittag vor dem Neustädter Bahnhof hinter Absperrgittern versammeln. Die Stimmung ist gereizt. 30Euro musste ein Kamerad für die Busfahrt von Bremen an die Elbe löhnen – für eine gähnend langweilige Warterei. Weder Frank Rennicke, der Barde der Bewegung, vermag die Herzen der braunen Fangemeinde zu erwärmen, noch einige Jungredner, die wie jedes Jahr versuchen, ein historisch verzerrtes Bild der Vergangenheit zu zeichnen. Der Beifall ist kurz, die Schlangen vor den Dixiklos werden trotz Alkoholverbot schnell länger.

Alle Routen blockiert

Dresden zeigt den Anhängern der Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland (JLO) nicht nur meteorologisch seine eisige Seite. Bereits gegen 15Uhr kündigt eine Polizeisprecherin über Lautsprecher an, dass der geplante Aufzug nicht stattfinden könne, weil die Sicherheit der Teilnehmer nicht zu gewährleisten sei. Alle Marschrouten sind blockiert. „Wo wollen die denn noch hinmarschieren?“, sagt Gerhard Danzel, einer der Polizeiführer aus Bayern. Er brauche 2000 Beamte zusätzlich, um diese Blockaden zu räumen. „Die hab´ ich nicht.“ Die 7000 Polizisten von Bund und Ländern sind an vielen anderen Orten in der Stadt reichlich beschäftigt.

Bei den seit Stunden ausharrenden Rechten staut sich derweil die Wut. Veranstalter Kai Pfürstinger, JLO-Chef in Sachsen, kann seine Nervosität kaum noch verbergen. „Wir wollen marschieren“, brüllen seine Kameraden.

Im Gespräch mit dem Ordnungsamtsleiter beklagt er entnervt, dass die Zusammenarbeit in den vergangenen Jahren stets geklappt hätte, diesmal fühle er sich allein gelassen. Als klar ist, dass es nichts mehr wird mit dem „Trauermarsch“, droht Eskalation. In bemerkenswertem Tempo legt der Mob seine Trauermaske ab und greift zu allem, was sich werfen lässt: Flaschen, Steine und Eisbrocken. Einige Neonazis versuchen auszubrechen. Doch die Lage beruhigt sich wieder, als das „Lied der Deutschen“ angestimmt wird. „Und zwar alle drei Strophen!“ Dann rücken die Nazis frustriert ab.

Randale in Pirna

Auf dem Heimweg lassen sie ihren Frust raus. In Pirna ziehen 400 Neonazis durch die Stadt und schlagen Scheiben eines SPD-Bürgerbüros ein, offenbar angeführt von zwei ehemaligen Mitgliedern der verbotenen Skinheads Sächsische Schweiz. Auf dem Weg zur Autobahn kann die Polizei alle acht Busse anhalten und die Personalien feststellen.

Auf diversen Internetseiten entbrennt nach dem gescheiterten Aufmarsch in Dresden Streit in der rechten Szene. So fordert der führende Hamburger Neonazi Christian Worch ein „Umdenken“. Man dürfe sich „nicht mehr wie eine Hammelherde an einem einzelnen Ort einpferchen lassen“.

Derweil triumphiert die Gegenseite. Lena Roth, Sprecherin des Bündnisses „Dresden Nazifrei” verkündet stolz: „Es war nicht einfach, es gab Verletzte durch Nazi-Angriffe und es war saukalt – aber es hat sich gelohnt.” Zum ersten Mal sei es gelungen, den größten Naziaufmarsch Europas zu stoppen. Ausschlaggebend dafür sei die Entschlossenheit der Blockierer.

Aber auch an diesem Abend bleiben die Gräben zwischen den Demokraten bestehen. Und die Missverständnisse. Helma Orosz mag die Blockierer nicht würdigen. Bisweilen entsteht der Eindruck, die Menschenkette habe den Marsch der Nazis verhindert. Andererseits ätzen die Blockierer, die Menschenkette sei eine „rein symbolische und somit wirkungslose Show“ gewesen.

Am Abend, als die meisten Demonstranten wieder abgerückt sind, stehen etwa 400 Dresdner vor der Bühne an der Frauenkirche. Die Enkelinnen von Monika Müller tragen vorsichtig ihre Lichter. Zum Schutz vor Wind haben sie die Kerzen in Plastikbecher gesteckt. Monika Müller erzählt vom 13. Februar 1945. Damals war sie fünf Jahre alt. „Das wollen die Kinder immer wieder hören“, sagt sie. „Die Stadt war feuerrot, wir mussten damals in den Keller.“

Die elfjährige Lisa hört aufmerksam zu. „Ich bin froh, dass ich nicht früher gelebt habe“, sagt sie, stockt dann und ruft laut nach ihrem Vater. Der Plastikbecher ihrer kleinen Schwester brennt, sie hat die Kerze beim Zuhören wohl zu schief gehalten.

Nur wenige Dresdner finden am Abend noch den Weg in die Kreuzkirche. 850 mögen es sein, schätzt der Küster. Der Gottesdienst war sonst Mittelpunkt am 13.Februar. Nach diesem ereignisreichen Tag wird er Randnotiz. Superintendent Peter Meis wird in seiner Predigt von Zwischenrufern unterbrochen. „Demokratie muss das aushalten“, sagt er, nachdem die Jugendlichen hinausgebracht worden sind.

Genau um 21.45Uhr läuten wieder die Glocken der Stadt. Zu diesem Zeitpunkt begann 1945 der Bombenangriff auf Dresden. Eine Kerze flackert an der Wand der Frauenkirche, von einem Beamer darauf projiziert. Die dazugekommenen Dresdner stellen die mitgebrachten Kerzen auf Tische vor der Kirche.

Zum Beginn der „Nacht der Stille“ ist in der Frauenkirche fast kein freier Platz mehr zu finden. Der Neumarkt leuchtet im Kerzenschein. Die Nacht wird ruhig.

Quelle:
http://www.sz-online.de/nachrichten/artikel.asp?id=2388400

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