Presseberichte vom Protest gegen die Nazigroßdemo am 16. Februar 2008

5000 Nazis, die bürgerlich-antifaschistische Demonstration „Geh Denken“ bleibt auf der Carolabrücke stehen, um sie zu blockieren, Antifas setzen eine Spontandemonstration vom Wiener Platz zur Synagoge durch und der Thor-Steinar-Shop „Thonsberg“ auf der Wilsdruffer Straße geht kaputt.


jw 18.02.08 Seite 2

Brauner Marsch durch Dresden

Rund 5000 Alt- und Neonazis zogen am Samstag durch Sachsens Landeshauptstadt

Vielen Beobachtern des „Trauermarsches“ der sogenannten Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland stellte sich am Samstag in Dresden nur eine Frage: Wann endlich kommt das Ende dieses gruseligen Zuges? Rund 5 000 alte und neue Nazis versammelten sich am Nachmittag hinter der Semperoper, zogen zum Theaterplatz, über die Augustusbrücke zur anderen Elbseite, marschierten weiter zur Marienbrücke, überquerten diese und erreichten nach einer knappen Stunde wieder ihren Sammelplatz. Als die ersten Teilnehmer des Aufmarsches die eine Brücke schon überquerten, liefen die letzten noch über die andere. Statt brauner Hetzreden erklang klassische Musik, Sprechen und Rauchen war den Teilnehmern untersagt, einige trugen Fackeln. Immerhin erschallten am Rande des Aufmarsches immer wieder Sprechchöre von Antifaschisten: „Ihr habt den Krieg verloren!“ oder „Nazis raus“.

Auch 63 Jahre nach den Luftangriffen der Alliierten wird die sächsische Elbmetropole dieses rechtsextreme Spektakel des angeblichen Gedenkens nicht los. 2006 kamen etwa 4 500 Rechte, im letzten Jahr waren es 2 000. Antifaschisten meinen, diese Art Demonstrationen habe auch mit der offiziellen Erinnerungskultur in Dresden zum 13. Februar 1945 zu tun, die sich mit der inhaltlichen Abgrenzung zum geschichtsrevisionistischen Gedenkkult der Rechten schwertut. Bei der auch von Neonazis besuchten städtischen Gedenkfeier am Mittwoch auf dem Heidefriedhof war es beispielsweise lediglich die Jüdische Gemeinde der Stadt, die ihre Teilnahme absagte. Selbst die Linkspartei ließ sich nicht dazu bringen, obwohl sich Mitglieder ihrer Jugendorganisation bei den Protestierern einreihten.

Die Neonazis sind davon abgekommen, ihren Großaufmarsch generell am 13. Februar durchzuführen, weil sie ihre Anhänger am Wochenende besser mobilisieren können. Das gibt aber auch der Stadt und ihren Spitzenpolitikern bessere Möglichkeiten, Flagge gegen rechts zu zeigen, ohne auf das Gedenken am 13.  Februar verzichten zu müssen. So versammelten sich am Samstag rund 4 000 Menschen zur Protestdemonstration unter dem Motto „Geh denken“ und blockierten die Neonaziroute, die aber durch die Polizei kurzerhand geändert wurde. Zuvor hatten sich bereits einige hundert Menschen an einem öffentlichen Gottesdienst der Jüdischen Gemeinde vor der Synagoge beteiligt. In den letzten Jahren waren Teilnehmer solcher Veranstaltungen immer wieder von Neonazis angegriffen worden.

Eine antifaschistische Demonstration durchs Stadtzentrum war im Vorfeld verboten worden. Die Aufrufer mobilisierten daraufhin zu einer Kundgebung der ver.di-Jugend vor dem Hauptbahnhof. Dort gelang es, eine Polizeikette zu durchbrechen und doch noch einen Demonstrationszug mit 1  200 Teilnehmern zu formieren. Auch dieser kam allerdings nicht in die Nähe der Neofaschisten, die weitgehend ungestört marschieren konnten.

Vorläufig unterbrochen wurde am Samstag allerdings der Verkauf im Thor-Steinar-Geschäft in der Dresdener Innenstadt. Vermummte zerstörten die Schaufenster und die Eingangstür des Shops. Die Polizei meldete am Sonntag in einer Pressemitteilung, am Vortag insgesamt 63 Menschen in Gewahrsam genommen zu haben. 3 300 Beamte waren im Einsatz.


taz, 18.02.2008

2.200 Polizisten trennen Demozüge
Dresden protestiert gegen Opferkult

Tausende Bürger gedenken bei einer Demonstration der Bombardierung der Stadt im Februar 1945. Gleichzeitig wehren sie sich gegen den Opferkult der Neonazis. VON Michael BARTSCH

Bunter Protest gegen rechte Opfermythen: linke Demonstranten in Dresden. Foto: dpa

DRESDEN taz Das Gedenken an die Zerstörung Dresdens am 13. Februar 1945 und die geschätzten 35.000 Toten geraten immer mehr zu einem Protest gegen dessen Instrumentalisierung durch Neonazis. Die Konfrontation hatte sich bereits am Gedenktag in der Vorwoche abgezeichnet.

Am Samstag glich die Innenstadt erneut einer Festung. Drei Demonstrationszüge wurden durch 2.200 aus mehreren Bundesländern zusammengezogene Polizisten getrennt. Anders als in den Vorjahren kam es zu keiner Sitzblockade gegen den Zug der Nazis und nur vereinzelt zu Übergriffen.

Provozierenden Anlass für die Proteste lieferte einmal mehr ein sogenannter Trauermarsch rechter Kreise, für den die „Junge Landsmannschaft Ostdeutschland“ als Veranstalter auftrat. Mehrere tausend finster gekleidete Gestalten zogen weitgehend unbehelligt wenn auch mit deutlicher Verzögerung durch die Stadt. Etwa 6.000 Bürger beteiligten sich demgegenüber am „Geh Denken“, zu dem ein breites Bürgerbündnis und mehrere Parteien aufgerufen hatten. Mit dem Demozug sollte gegen einen Opferkult der Neonazis protestiert und auf die Vorgeschichte des Dresdner Bombardements hingewiesen werden. Im Zug waren Transparente wie „Nicht in unserem Namen“ und „Wer wollte den totalen Krieg?“ zu sehen.

Bei einer der Zwischenkundgebungen forderte Oberbürgermeister Lutz Vogel zum Nachdenken darüber auf, „warum wir unsere Vergangenheit nicht loslassen dürfen“. An öffentlichen Gebäuden waren Spruchbänder angebracht, so an der Semperoper der Tucholsky-Satz: „Gewalt ist die Kapitulation des Geistes“.

Als heikler Ort für die Wahl der Routen gilt in Dresden die Synagoge am Elbufer. Die Nazis durften in diesem Jahr nicht vorbeimarschieren. Am Vormittag fand ein Sabbat-Gottesdienst statt. Mehrere hundert Menschen schützten symbolisch das Gebäude. Eher Love-Parade-Atmosphäre verbreiteten 700 teils kostümierte Autonome. Sie zeigten US- und israelische Flaggen und Plakate wie „No tears for Krauts“. Die Polizei musste am Abend ein Aufeinandertreffen gewaltbereiter linker und rechter Kräfte verhindern.

Quelle: http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/dresden-protestiert-gegen-opferkult/?src=SZ&cHash=588059eefa


redok, 17.02.2008

Neonazis
Tausende Neonazis bei „Pflichttermin“

Dresden. Etwa 5.000 Neonazis haben sich gestern in der sächsischen Landeshauptstadt zu einem vorgeblichen „Trauermarsch“ für die Opfer der Luftangriffe vom 13. bis 15. Februar 1945 versammelt. Gegen den in der rechtsextremen Szene als „Pflichttermin“ geltenden Aufmarsch protestierten Tausende bei mehreren Gegenveranstaltungen. Entgegen ihrem Vorhaben konnten die Neonazis nicht an der Dresdner Synagoge vorbei marschieren.

Als Teilnehmerzahl der Neonazi-Veranstaltung nannte die Polizei 3.800; andere Beobachter sprachen jedoch von etwa 5.000, rechtsextreme Berichte sogar von über 6.000 Teilnehmern. Bereits am Mittwoch waren bei einer anderen Demonstration nach Augenzeugen knapp über 1.000 Neonazis durch Dresden marschiert.

Im Vorjahr hatten die Veranstalter den Neonazi-Marsch an einem Wochentag stattfinden lassen, daher hatten 2007 nur etwa 1.800 Neonazis an der Demonstration teilgenommen. In den Jahren davor hatte die Polizei 5.000 (2005) und 4.200 (2006) Teilnehmer an der Neonazi-Demo gezählt; die Veranstalter selbst hatten von 7.500 (2005) und 6.000 (2006) gesprochen.

An einer von einem breiten bürgerlichen Bündnis getragenen Gegendemonstration „Geh denken“ nahmen nach Polizeiangaben 2.000 Menschen teil, die Veranstalter sprachen dagegen von mindestens 6.000 Teilnehmern und damit „mehr als in den vergangenen Jahren „, so der Dresdner DGB-Chef Ralf Hron. Etwa 1.500 Personen nahmen an einer Demonstration autonom-antifaschistischer Gruppen teil.

Der Aufzug der Neonazis sollte ursprünglich an der Dresdner Synagoge vorbeiführen. Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Nora Goldenbogen, hatte scharf gegen diesen Vorbeimarsch am Samstag – dem jüdischen Feiertag Schabbat – als „bewusste Provokation“ protestiert. Bereits am Mittwoch hatte Goldenbogen erstmals nicht an der offiziellen Kranzniederlegung der Stadt Dresden auf dem Heidefriedhof teilgenommen, weil sich dort seit Jahren zunehmend Rechtsextreme in den Vordergrund drängen.

Zum Schabbat-Gottesdienst hatte die jüdische Gemeinde alle ihr nahe stehenden Dresdner eingeladen; mehrere hundert Menschen waren dieser Einladung gefolgt. Auch die Demonstrationen gegen den Nazi-Aufmarsch führten in die Nähe der Synagoge. Goldenbogen sagte unter dem Beifall der Teilnehmer beider Gegendemonstrationen: „Nazis sollen in Dresden nicht mehr aufmarschieren können.“ Die Neonazi-Demo war kurzfristig umgeleitet worden, sodass sie nicht an der Synagoge vorbeiführte.


Spiegel Online, 16. Februar 2008

Tausende demonstrieren gegen Neonazi-Marsch

Mehrere Tausend Menschen haben in Dresden gegen einen der größten Aufmärsche Rechtsextremer in der Geschichte der Bundesrepublik protestiert. Ein Großaufgebot der Polizei verhinderte eine direkte Konfrontation beider Gruppen.

Dresdner – Kurz nach dem 63. Jahrestag der Zerstörung der Stadt durch alliierte Bomber am 13. und 14. Februar 1945 versammelten sich heute in Dresden nach Polizeiangaben etwa 3 800 Anhänger der rechtsgerichteten Gruppierung „Junge Landsmannschaft Ostdeutschland“ (JLO) zu einer Kundgebung. Mindestens 2 000 Gegendemonstranten marschierten unter dem Motto „Geh Denken“ gegen den rechten Aufzug. Zu dem Protest hatte ein großes bürgerliches Bündnis aufgerufen, um wie in den Vorjahren an die nationalsozialistische Vorgeschichte der Zerstörung Dresdens im Februar 1945 zu erinnern.

Rechter Aufmarsch: Neonazis in Dresden
Die Polizei, die mit einem Großaufgebot im Einsatz war, meldete bis zum Abend einen weitgehend störungsfreien Verlauf der Veranstaltungen. Nach ihren Angaben waren mindestens 200 gewaltbereite Linksautonome in der Stadt. Einige linke Gruppen hätten versucht, den Aufmarsch der Rechtsextremisten zu stören, teilte Polizeisprecher Detlef Garsch mit. Es gab 23 vorläufige Festnahmen, unter anderem wegen Verstößen gegen das Vermummungsverbot und Mitnahme von Pfefferspray. Zudem wurde ein mit Haftbefehl gesuchter Mann festgenommen.

Am frühen Abend verhinderte die Polizei ein Aufeinandertreffen von Linken und Rechten im Stadtzentrum. Gegen ein nicht weit entferntes Geschäft, das Bekleidung der bei Rechtsextremen beliebten Marke „Thor Steinar“ verkauft, flogen
Steine.

kai/AP/dpa/ddp

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